Bobo in white wooden houses
Singles:
Interview mit Bobo aus der Schweriner Volkszeitung: Der Traum von den weißen HäusernDie märchenhafte Geschichte von der Verwandlung der Christiane Herbold aus Gräfenhainichen zu BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES, oder warum die erste eigenständige ostdeutsche Band" nicht nach Krautrock klingt, sondern einer Hippiekommune im mittleren Westen der USA entsprungen sein könnte" Der Name klingt, als wär's eine Zeile aus einem Sonett von Shakespeare oder einem Gedicht von Walt Whitman: BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES. Spricht man ihn laut und deutlich mit korrektem Oxford-Akzent, machen sich die Laute selbständig, flattern wie kleine Vögel durch den Raum und schaffen Atmosphäre. BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES, Bobo in weißen Holzhäusern, - ein ungewöhnlicher Name für eine Rockband. Keine deutsche Formation seit KRAFTWERK hatte einen treffenderen. Am Anfang gab es Bobolina. Sie hatte einen Traum, den jedes junge und hübsche Mädchen im Lande einmal träumt. Sie träumte davon, ein Popstar zu werden. Bobolina heißt im richtigen Leben Christiane Herbold. Ihre Eltern, der Vater Pfarrer und die Mutter Kantorin, machten sie früh mit der klassischen Musik bekannt. Im Chor der Kirchengemeinde soll Christiane bereits als ganz junges Mädchen für Aufmerksamkeit gesorgt haben. Doch dann hört sie Joni Mitchell. Mein erstes intensives Hörerlebnis", sagt sie heute. In Gräfenhainichen, einer Kleinstadt bei Halle an der Saale, gründet Bobolina die erste Mädchenband des Ortes. Mit dreizehn Jahren steht sie gemeinsam mit zwei Freundinnen und drei Gitarren auf einer Bühne. Sehr romantisch: lange Haare, lange Kleider... Alles war genauso aufregend wie heute. Lampenfieber vor jedem Auftritt und das flaue Gefühl im Magen. Mit 17 habe ich mich dann auf den Weg gemacht." Bobolina geht nach Weimar. Schon kurz nach Beginn ihres Musikstudiums fängt sie an, ihre eigenen Ideen musikalisch umzusetzen. Ganz wie die amerikanischen Singer-Songwriter-Vorbilder schreibt sie Lieder zur Gitarre. Ich habe mich immer an Stimmen orientiert, an Melodien, das waren meine stärksten Eindrücke. Meinen ersten Song habe ich geschrieben, nachdem ich in Berlin die Band TINA HAS NEVER HAD A TEDDYBEAR gesehen hatte. Und der hieß WIDE AWAKE." In dieser Zeit lernt Bobolina den Plattenproduzenten und Promoter Emu Fialik kennen. Er bestärkt sie in ihrem Vorhaben. Auf der Suche nach Musikern, mit denen sie ihre Songs auf die Bühne bringen kann, landet Bobolina schließlich in Berlin. "Ich hatte Lieder und brauchte Leute, die sie mit mir spielten. Im Januar '90 haben wir angefangen. Aber wie das so ist, im ersten Jahr sitzt man in irgendwelchen Kellern rum und versucht erst einmal herauszufinden, was man eigentlich will..." Trotzdem geht jetzt alles sehr schnell. Schon im April 1990 geht Bobolina mit ihrer Band BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES auf eine erste Tournee durch Ostdeutschland. Mit dem Gitarristen Frank Heise, der für ihre Songs die Arrangements schreibt, produziert sie ihre erste Single. Es ist das Lied WIDE AWAKE, ihre allererste eigene Komposition. WIDE AWAKE plaziert sich über 10 Wochen in den DT 64-Hörercharts. Das Lied läuft im Radio rauf und runter. Im Juli 1990 wird die Band zum Sieger des Leipziger Rockwettbewerbes gewählt. Inzwischen hat sich mit dem Gitarristen Frank Heise, dem Bassisten Lexa Schäfer und dem Schlagzeuger Ulli Lange eine stabile Bandbesetzung herausgebildet. BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES ist nicht mehr nur der einsame Singer-Songwriter-Traum von Bobolina: BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES ist jetzt eine richtige Band. Es vergeht kaum eine Woche, ohne daß die vier irgendwo live auf der Bühne stehen. "Eine Woche ohne Konzert läßt uns krank werden." Die Rockfans im Osten geben einen Geheimtip von Mund zu Mund: BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES. Die Band versucht, einen Vertrag mit einem Musikverlag oder einer Plattenfirma zu bekommen, aber die haben (noch) kein Interesse. So beschließt die Band, ihr erstes Album aus eigener Kraft zu produzieren. Für den August 1991 werden die Fans zu einer Aufnahme-Party nach Berlin eingeladen. An drei Tagen werden die Songs für die Langspielplatte live eingespielt. Das Ergebnis kann sich hören lassen, der Erfolg der Platte übertrifft alle Erwartungen. Eine Nachauflage muß in Auftrag gegeben werden. Jetzt interessieren sich auch die großen Schallplattenfirmen für BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES. Im Dezember des gleichen Jahres geht die Band ins Pop-Mekka London und gibt dort vier Konzerte. Sie lernen Billy Bragg kennen, der sie vom Fleck weg als Anheizer für seine geplante Deutschlandtournee engagiert. Der englische Acid-Jazzer Andy McGuinnes wird neuer Drummer der Band. Im Frühjahr 1992 ist es dann soweit: BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES wird von einem großen Schallplattenkonzern unter Vertrag genommen. Sie sind bei der Polydor gelandet und befinden sich jetzt in Gesellschaft von Philip Boa, den Jeremy Days und M. Walking On The Water. Die Plattenfirma schwärmt vom Ausnahmetalent der ersten eigenständigen ostdeutschen Band, die "nicht nach Krautrock klingt, sondern einer Hippiekommune im mittleren Westen der USA entsprungen sein könnte". Mag das auch etwas übertrieben klingen, Bobolinas charmante Folkpopsongs kleben in den Ohren der Fans in Ostdeutschland: BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES ist im Sommer 1992 die beliebteste Band in den neuen Ländern. Im Jahr 1993 erscheint das zweite Album unter dem Titel PASSING STRANGER. Die Lieder, die Bobolina gemeinsam mit Frank Heise in die richtige Form brachte, sind wieder geprägt von Melancholie und einem Hauch von Optimismus. Mitunter hört man unter dem Folkpopmantel jetzt den einen oder anderen Tanzgroove. Das Publikum ist begeistert. Die Band absolviert eine erfolgreiche Deutschlandtournee. Die Fans in der Hamburger Markthalle wollen BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES vor lauter Euphorie kaum von der Bühne lassen. Trotz des Erfolges ist Gitarrist und Arrangeur Frank Heise unzufrieden mit der Entwicklung der Band. Im Jahr 1994 steigt er aus, ein Jahr darauf begeht Frank Heise Selbstmord. Bobolina beginnt in ihrem eigenen Hinterhofstudio auf dem Prenzlauer Berg mit der Arbeit am dritten Album. Neben ihrem alten Mitstreiter Emu Fialik ist jetzt der Gitarrist Olaf Bruhn mit von der Partie. Der Sound der Platte soll diesmal ein anderer werden. Die Hörgewohnheiten haben sich in den letzten Jahren sehr geändert. Die Musik in den Kneipen klingt heute grundsätzlich anders als früher, die Rhythmen von SOUL II SOUL und MASSIVE ATTACK beeinflussen praktisch jeden", sagt Bobolina. Auf der Suche nach der neuen Atmosphäre wird das Berliner Produzententeam BAUKNEX eingeschaltet. Zusätzlich sorgt der vielbeschäftigte Breakbeat-Spezialist und PRODIGY-Produzent Neil McLennan in London für den Soundschliff einiger Songs. Als das Album COSMIC CEILING schließlich vorgestellt wird, ist es eine Überraschung und ein Wagnis. Bobolina hat sich wieder einmal auf den Weg gemacht. Sie hat sich verwandelt. Dem ländlich geprägten Folkpop-Songs der ersten Tage hat sie den Rücken gekehrt. Bobolina macht jetzt Großstadtmusik. Und das liegt sicher auch an ihrer neuen Heimat. "Berlin ist einzigartig", sagt sie. Und, "...andere Städte erzeugen andere Träume, andere Musik. Es sollte nichts Bombastisches sein, sondern transparent und luftig wie die Luftsternzeichen. Ich wollte eine weibliche Platte machen. Männerplatten sind immer so komplett, so fertig. Ich will aber in meiner Musik Fragen offen lassen, da müssen Löcher sein und Dinge, die die Phantasie beflügeln." Mittlerweile ist die Unsicherheit, ob das Publikum den neuen Sound auch akzeptiert, verflogen. Und auch die Plattenfirma ist wieder zufrieden. Die Fans sind BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES trotz des Richtungswechsels treu geblieben. COSMIC CEILING ist bereits in den Albumcharts vertreten, Tendenz steigend. Bei MTV's Euro-Video-Grand Prix '95 wird das Video zur ersten Single des neuen Albums mit dem Titel TRAVEL IN MY MIND als einziger deutscher Beitrag nominiert. Die für diesen Monat angekündigte Klubtour von BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES mußte allerdings auf den Herbst verschoben werden. Bobolina ist vor einigen Wochen Mutter geworden. "Camille ist jetzt sechs Wochen alt, und das ist der Beginn von etwas Neuem. Was sich durch sie in meinem Leben ändern wird, ist noch gar nicht abzusehen, wir lernen uns ja gerade erst kennen." Auf die Frage, wie sie ihre neue Rolle mit der eines Popidols in übereinstimmung bringt, antwortet sie: "Ich hatte und habe Idole. Vor allem die Idole, die ich mit etwa 14 Jahren hatte, waren wichtig. Sie waren Teil meiner Träume. Ich weiß, daß das umgekehrt ganz bestimmt nicht der Fall war... Ich mag leidenschaftliche Menschen und würde mich freuen, wenn ich ein paar davon zum Fan hätte." Bobolina weiß auch heute genau, was sie will. Sie spielt immer noch mit ihren weißen Holzhäusern. Sie hat das Träumen nicht verlernt. Und ist immer noch auf dem Wege. Uli Grunert - Schweriner Volkszeitung online, 1998
Bericht vom Konzert im Wilhelmshavener Pumpwerk
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